Predigten

Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 6. September 1999

 

Liebe Gemeinde,

ab und zu ist man als Pfarrer zu einer öffentlichen Feier eingeladen. Dort finden sich dann Politiker und andere wichtige Persönlichkeiten ein. Meine Frau sorgt dann dafür, dass ich ein frisch gewaschenes, gebügeltes und gestärktes weißes Hemd anziehe, damit ich dem Anlass entsprechend gekleidet bin. Doch solch ein weißes Hemd hat seine Tücken. Kaum habe ich es angezogen, kommt eines meiner Kinder mit einem Schokolade verschmierten Mündchen und will auf meinen Arm. Und es geht schneller, als man reagieren kann – schwupp, da habe ich einen großen braunen Fleck auf meinem weißen Hemd. Aber es ist natürlich unvorstellbar, mit dem verschmierten Hemd zu solch einer Feier zu gehen.

Liebe Gemeinde, ganz ähnlich ist es mit dem Himmel. Wir Menschen sind zu einem großen Fest bei Gott eingeladen. Bildlich gesprochen sollen wir dort gekleidet in weißen Gewändern erscheinen. D.h. wir sollen mit einem reinen Herzen, einem guten Gewissen und einer sauberen Seele erscheinen.

Aber so wie ein weißes Hemd schnell einen Flecken bekommt – so beschmutzen wir auch schnell unsere Seele mit etwas Unreinem. Aber es ist undenkbar, dass wir so vor Gott erscheinen können.
Eine Seele, die beschmutzt ist, gehört nicht in den Himmel. Ein Herz voller Auflehnung gegen Gott, voll böser Gedanken, befleckt mit Verstößen gegen Gottes Gebote, ein Herz voller Hass, das nicht bereit ist zu vergeben, ist einfach im Himmel fehl am Platz. Das gehört dort nicht hin.

Zur Zeit Jesu litten viele Menschen an einer ansteckenden Hautkrankheit, Lepra bzw. Aussatz genannt.  Diese Krankheit beginnt mit einem kleinen Fleck auf der Haut, der immer größer wird und zuletzt verfault der ganze Leib.

Damals sagten die Mediziner: Die Ursache von Aussatz ist ein unreines und schmutziges Herz. Lepra war das Kennzeichen für eine schmutzige Seele. Wer aussätzig wird, hat vor Gott schwer gesündigt, darum verfault seine Haut. Und alles, was mit ihm in Berührung kommt, wird automatisch auch dreckig, es ist ansteckend.

Darum wurden die Leprakranken aus der Familie, aus dem Dorf oder Stadt und aus dem Gottesdienst ausgeschlossen. Sie mussten außerhalb der Siedlungen wohnen. Die Gefahr der Ansteckung war zu groß. Denn auch die Sünde ist ansteckend. Und wer ein reines Herz hatte, konnte sich an einem Aussätzigen beflecken.

Kam ein Gesunder in ihre Nähe, dann mussten sie laut rufen und sie warnen: „Aussatz, Aussatz!“ So konnte ein Gesunder ihnen aus dem Weg gehen.

Von einem solchen Menschen wird uns in Mk 1, 40-43 berichtet. Es ist der für heute vorgesehene Predigtabschnitt:

Und es kam ein Leprakranker zu Jesus und flehte ihn auf den Knien an: „Wenn du willst, kannst du mich rein machen.“ Da erbarmte sich Jesus seiner, streckte seine Hand aus, rührte ihn an und sprach zu ihm: „Ich will: Sei rein!“ Und auf der Stelle schwand die Lepra von ihm, und er wurde rein.

Hier wird uns von so einem Leprakranken berichtet. Der arme Mann. Er war mit seiner schlimmen Krankheit ganz allein. Er hatte niemand mehr, der ihn einmal über den Kopf gestreichelt hätte, niemand, der ihm einen lieben Kuss gab.

Und besonders schlimm finde ich: Er brauchte überhaupt nicht damit rechnen, dass Gott ihn tröstet oder hilft. Er durfte gar nicht zu Gott beten, denn Gott für Gott war er viel zu schmutzig. Und dann die traurige Perspektive: Der Tod würde ihn einmal nicht erlösen, denn schmutzig wie er einmal war, galt er für immer von Gott verstoßen. Gab es denn keine Hoffnung für ihn?

Es gab nur eine ganz, ganz kleine Hoffnung für den Kranken: Es könnte sein, dass Gott Gnade walten lässt.
In manchen Monarchien kann ein König einen Verurteilten begnadigen und ihm so die Strafe erlassen. Ähnlich gab es auch für den Aussätzigen die winzige Hoffnung, dass der von Gott eingesetzte König der Gottes Herrschaft auf der Erde aufrichten wird, ihn einmal begnadigen wird.

Eine kleine Anmerkung: Dieser von Gott eingesetzte König nennt man im Hebräischen Messias und im griechischen Christus. Der Aussätzige konnte also hoffen, dass er einmal den Messias treffen wird, der hilft und heilt und begnadigt, wie es bei den Propheten vorhergesagt wurde.

Und so muss der Aussätzige von Jesus gehört haben. Und er muss an dem, was Jesus tat, geschlossen haben: Dieser Mann aus Nazareth ist der von Gott gesandte König. Und das war seine einzige Hoffnung. Nur er konnte ihm noch helfen, er konnte ihn reinigen.

Und er setzt alles auf diese Karte. Es war ihm völlig egal, was die anderen Leute über ihn dachten, als er mit seiner ansteckenden Krankheit plötzlich unter die Leute ging – die ihm wahrscheinlich ängstlich, aber erbost über seine Frechheit auswichen. Er achtete auch nicht darauf, dass er sich Jesus eigentlich gar nicht nähern durfte. Dann kniet er vor ihm nieder. Eigentlich ist es bei den Juden strengstens verboten vor einem Menschen niederzuknien. Man darf nur vor Gott seine Knie beugen. Aber mit dieser Verbeugung drückt er aus: Du Jesus bist für mich der Vertreter Gottes. Und dann sagt er: „Wenn du willst, kannst du mich rein machen.“ In diesen Worten steckt ein riesengroßes Vertrauen. Er fragt nicht: „Kannst du mich rein machen!“ Am Können zweifelt er nicht. Er vertraut darauf, dass Jesus das kann. Aber er sagt auch nicht: „Mach mich bitte rein, denn so schmutzig bin ich nicht!“ Er weiß, dass er kein Recht einklagen kann, dass Jesus ihn reinigt. Der Kranke vertraut einzig darauf, dass Jesus gnädig ist. Er kann sich die Heilung nicht verdienen, aber erbitten.

Und wie verhält sich Jesus. Ich glaube, ein anderer würde sich ekeln, vielleicht hätte er noch etwas Mitleid, doch er würde auf Abstand gehen und nicht zu nahe an ihn heranlassen. Und Jesus sieht auch den Schmutz, denn Jesus beschönigt nichts. Aber er sieht auch, wie sehr dieser Mann darunter zu leiden hat. Und es jammert ihn. Es tut ihm weh, dass ein Mensch, selbst wenn er es verdient hat, so geschunden wird. Denn Sünde hin und Schmutz her – der Mensch ist das Abbild Gottes.

In alten Handschriften steht sogar das Wort: ergrimmen statt jammern. Ja, Jesus wurde zornig. Jesus ist einfach wütend darüber, dass es eine Macht in Gottes Schöpfung gibt, die den Menschen so zerfressen und schinden darf. Ja, dass diese Macht, wie sie will, den Menschen töten darf. Doch diese böse Macht fürchtet Jesus nicht. Er streckt seine Hand aus. Damit zeigt Jesus: Ich fürchte deinen Schmutz nicht und auch nicht die Macht, die dich so in den Dreck ziehen kann. Und er berührt ihn. Er berührt den Unberührbaren. In dieser Berührung kommt Jesu große Menschenliebe zum Ausdruck.

Und er antwortet: „Ja, ich will!“.

Es ist für uns heute schwer zu fassen, wie großartig diese Worte sind. Es ist vielleicht wie, wenn ein unscheinbarer, schüchterner Mann, der noch nie einem weiblichen Wesen aufgefallen ist, einem Mädchen, das sich vor Verehrern nicht retten kann, einen Heiratsantrag macht. Und das dann Mädchen wider Erwarten antwortet: „Ja, ich will.“

Oder es ist ähnlich wie, wenn ein Langzeitarbeitsloser, ohne Schulabschluss, nach 50 vergeblichen Bewerbungen, plötzlich von einem Personalchef gesagt bekommt: „Ja, ich will – du kannst bei uns mitarbeiten.“

Noch viel befreiender müssen diese Worte für den Aussätzigen geklungen haben: „Ja, ich will, sei rein.“

Und bereits in Jesu Worten steckt die Heilung. Auf der Stelle wird der Kranke gesund. Und wenn wir das Evangelium weiter lesen, dann sehen wir, dass Jesus den Aussatz, den Schmutz, die Sünde, des Kranken auf sich genommen hat. Und hinaufgetragen an das Kreuz von Golgatha. Dort kann aller Schmutz abgeladen werden.

Wenn ich mal wieder meine Seele beschmutzt habe, beispielsweise damit, dass ich jemand fertig gemacht und untergebuttert habe, damit, dass ich in Gedanken die Ehe gebrochen habe, damit, dass ich mich an dem Gut anderer bereichert habe, damit, dass ich schlechtes, falsches und böses über andere geredet habe, damit dass mich Gedanken des Neides bestimmen durfte.

Mit all diesen Schmutz, den man nach außen vielleicht gar nicht sieht, darf ich wie der Aussätzige zu Jesus kommen. Und zu ihm sagen: „Wenn du willst, kannst du mich reinigen.“ Und Jesus will es. Das zeigte er dadurch, dass er den Weg ans Kreuz gegangen ist.

Ich darf darauf vertrauen, dass er mich reinigt, so dass ich zu Gott dem Vater mit gereinigter Seele kommen darf.

Ich lese ein paar Verse weiter:

Doch jäh fuhr Jesus ihn an, warf ihn hinaus und sagte zu ihm: „Sieh zu, dass du niemandem etwas sagst; sondern geh hin und zeige dich dem Priester und bringe für deine Reinigung dar, was Mose angeordnet hat – ihnen zum Zeugnis!“ Er aber ging hinaus und begann, vielfach davon zu verkündigen und brachte die Geschichte unter die Leute, so dass Jesus nicht mehr öffentlich eine Stadt betreten konnte, sondern draußen in einsamen Gegenden blieb. Und sie kamen zu ihm von überallher.

So etwas passt eigentlich gar nicht in unser Bild von Jesus: „Jäh fuhr Jesus ihn an, warf ihn hinaus.“ Ich stelle mir Jesus vor – wie er mit offenen Armen dasteht und sagt: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid“ – wie man bei ihm ausruhen und bleiben darf. Doch diesen faucht Jesus an und jagt ihn davon.

Warum so grob? Nun, wir Menschen laufen ja gerne in die Gefahr, andere Menschen, die herausragen zu bewundern. Ein Star, der tolle Musik macht, ein Spitzensportler, der die Weltrekorde erzielt, ein Schauspieler, der uns mit seinem Charme verzaubert. Der bekommt unseren Applaus, unsere Bewunderung. Für den sind wir.

Aber Jesus will nicht wegen seiner Wunder angehimmelt werden. Er will nicht, dass wir zu ihm rennen, weil er so viele geheilt hat. Sondern, er will, dass wir ihm vertrauen, auch wenn keine Wundertaten zu sehen sind. Und er will, dass wir ihn lieb haben, auch wenn er auf alle Herrlichkeit verzichtet und erbärmlich am Kreuz hängt.

Außerdem braucht Jesus auch nicht die Ehre von Menschen. Wir Menschen legen oft gerne Wert darauf, bei den anderen im guten Licht zu stehen, dass alle nur Gutes über einen reden. Das ist Jesus gar nicht so wichtig. Darauf kommt es ihm nicht an. Er ist gekommen zu helfen und nicht, um sich bewundern zu lassen. Und darum verbietet sich Jesus so streng flüchtige und oberflächliche Verehrung und Propaganda.

Dann soll der Kranke noch in den Tempel gehen und sich für gesund erklären lassen. Damals war es so, dass ein Aussätziger erst wieder völlig gesund galt, wenn ein Priester im Tempel von Jerusalem ihn für rein erklärte. Das kam aber so gut wie nie vor. Darum hätte eigentlich der Priester, der die Heilung feststellt, aufhorchen müssen. Denn diese Heilung ist ein Zeichen dafür, dass der eingesetzte König Gottes, seine Herrschaft aufrichtet. Es war ein Zeichen, denn Jesus hatte nicht alle Aussätzigen in Palästina geheilt. Doch an diesem Zeichen sollte deutlich werden, dass nun die Zeit anbricht, dass Gott mit dem Schmutz der Seele aufräumt.

Aufgrund dieser Zeichen dürfen wir glauben und hoffen, dass wir einmal bekleidet mit leuchtend weißen Gewändern gereinigt im Blut des Lammes vor Gott stehen dürfen.

Amen.