Predigten

Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 04. Februar 2001

 

Liebe Gemeinde,

der Bibelabschnitt, der dieser Predigt zugrunde liegt, steht in Joh 12, 34-36

Die Menge entgegnete Jesus: „Aus dem Gesetz wissen wir doch, dass Christus für immer bei uns bleiben wird. Wie kannst du dann sagen: Der Menschensohn muss erhöht werden?

Wer ist eigentlich dieser Menschensohn?

Hierzu sagte Jesus:

Das Licht ist nur noch kurze Zeit bei euch. Nutzt diese Zeit, damit ihr das Ziel erreicht, bevor euch die Dunkelheit überfällt. Wer im Dunkeln geht, kann weder seinen Weg noch das Ziel erkennen. Vertraut euch dem Licht an, solange ihr es habt, dann werdet ihr im Licht leben.

Liebe Gemeinde,

mit diesen Worten spricht Jesus zum letzten Mal öffentlich zu einer großen Volksmenge. Ein paar Verse zuvor deutete er an, dass er erhöht wird. Mit erhöht meinte Jesus: Ich werde aufgehängt. An einem Kreuz.

Das passte den Leuten nicht. Darum hinterfragen sie Jesus und seinen Anspruch, ihr König zu sein. Sie wollen keinen, der ein tragischer Verlierer ist. Was nützt einer, der, wenn es um die Rettung der Welt geht, ein Toter ist. Was nützt ein tragischer Verlierer. Wir brauchen Menschen des Erfolgs, keiner, der scheitert. Wir brauchen einen der fest auf dem Thron sitzt, keiner, der da oben an dem Querbalken des Kreuzes hängt. Elend gibt es doch schon genug auf dieser Welt – was kann der Erbärmlichste unter den Elenden ausrichten? Sieg muss sein, nicht Niederlage. Power – nicht erbärmliches Sterben, so höre ich die Leute sagen.

Und, selbst wenn das mit der Erhöhung am Kreuz Gottes Sache sein sollte, was nützt uns dann ein König aller Könige, wenn er nicht da ist, sondern „droben“. Wir brauchen hier einen König, nicht einem im Jenseits. Wir brauchen hier jemand, der dem Elend, dem Geschrei, dem Unrecht ein Ende setzt – nicht einer, der irgendwo in einer anderen Dimension lebt. Was ist das für ein Menschensohn, für ein Retter, der nicht bleibt?

Liebe Gemeinde – ich will das Hinterfragen dieser Menge von Menschen nicht verurteilen. Schließlich leben wir hier und wir brauchen hier auf dieser Welt eine gerechte Ordnung. Darum brauchen wir hier jemand, der diese gerechte Ordnung aufrechterhält und garantiert.

Aber merkwürdig – Jesus geht gar nicht auf ihre Frage ein und auf ihren Wunsch, einen starken Boss zu haben. Vielleicht will er, dass die Leute selber nachdenken, was dabei herauskommt, wenn der Retter allein für das hier und jetzt zuständig ist.

Was braucht man, um gerechte Verhältnisse herzustellen? fragt, der, der nachdenkt. Man braucht Macht und Gewalt, um die Gesetzesübertreter und diejenigen, die Böses tun verurteilen und bestrafen und die Lieben und Guten beschützen zu können.

Aber, was passiert, wenn ich die Guten und Hilflosen beschützen will? fragt der Nachdenkliche.

Es müssen die Bösen zumindest hinter Schloss und Riegel gebracht, vielleicht sogar im Kampf getötet werden.  Aber was ist, wenn ein Mensch doch nicht so 100 % schlecht ist. Vielleicht hat er einen kleinen Sohn, der ihn verehrt oder eine alte Mutter, die ihn braucht? Dann tut man ja wieder Unrecht, obwohl man das Recht wollte.

So wichtig ich es halte, sich für Gerechtigkeit einzusetzen. Ja auch vehement einzusetzen. So wird doch Macht und Gewalt immer irgendwie Unrecht anrichten und wenn man es noch so gut meint. Darum ist ein Machtmensch, einer der auf dem Boden bleibt, nicht geeignet, Gottes Reich der Gerechtigkeit und Liebe herbei zu führen.

Jesus weist die Leute auf etwas hin, was sie am dringendsten brauchen. Er sagt und ich zitiere: „Das Licht ist nur noch kurze Zeit bei euch. Nutzt diese Zeit, damit ihr das Ziel erreicht, bevor euch die Dunkelheit überfällt. Wer im Dunkeln geht, kann weder seinen Weg noch das Ziel erkennen.

Es ist, als ob er sagen würde:

„Ihr seid auf etwas Bleibendes aus – auf etwas Unveränderliches, ihr wollt euch hier einrichten. Das braucht ihr hier aber gar nicht. Denn die Zeit hier ist bemessen. Ihr seid unterwegs zu einem großen Ziel. Von der Kindheit, über die Jugend und reife Jahre hin zum Alter und Sterben. Das Wichtigste, was man braucht, wenn man unterwegs ist, ist das Licht. Nur, wenn es hell ist, könnt ihr euch orientieren. Im Dunkeln stolpert man über jeden Stein, fällt in jedes Loch. Nur wenn es hell ist, seht ihr den Weg. Nur, wenn es hell ist, findet ihr das Ziel. Ihr Menschen braucht Licht für ihren Lebensweg. Und dieses Licht, das bin ich. Das braucht ihr am dringlichsten.

Zum Licht kommt noch ein zweiter Aspekt

Haben Sie schon einmal gemerkt, dass das meiste Unrecht, das auf Erden geschieht – im verborgenen, im heimlichen, im Dunkeln getan wird, dass es beschönigt und vertuscht wird. Jede Lüge braucht das Dunkle, um bestehen zu können. Politiker lügen solange handfest, bis irgend ein Journalist Licht in die Affäre bringt. Dann erst geben sie gespielt reuevoll vor laufenden Kameras zu, dass sie gelogen haben.

Auch: „Wo Bruderhass ist“, sagt Johannes, „ist Finsternis, nicht Licht“ – wo Menschen aufeinander böse sind und sich töten, ist es dunkel.

Wer also die Welt verbessern will, der muss Licht ins Dunkel bringen, damit eine Menschenseele ordentlich gereinigt und geläutert werden kann. Einzelne Menschen, und vielleicht auch die ganze Welt, können nur gerettet und geheilt werden, wenn sie im Licht von Gottes Liebe und Wahrheit ihr Unrecht einsehen und bereuen. Das geht nur im Licht. Denn bleibt man in der Dunkelheit, sieht man seine Sünde, das Unrecht, das man getan hat nicht.

Macht und Gewalt helfen nicht, seine Fehler einzusehen. Man gibt höchstens zähneknirschend etwas zu. Und bis heute ist der gute Ruf der Kirche zerstört, weil es Jahrhunderte gab, in denen man mittels Folter und Inquisition Bekenntnisse erzwingen wollte.

Anders ist es, wenn es hell in meinem Leben wird, wenn mir in Liebe die Möglichkeit geschenkt wird, das Unrecht abzuladen. Wenn ich spüre, da will jemand mein Bestes, mein Heil. In diesem milden Licht kann ein Mensch aufblühen und leben.

Es gibt noch ein drittes zum Licht zu sagen.

Das Licht zieht weiter. Es steht uns nicht unbegrenzt zur Verfügung. Wir bekommen die Chance, es in unser Dunkel hinein leuchten zu lassen. Aber wer sich verschließt, wird das Licht wieder verlieren. Jesus sagt: „Vertraut euch dem Licht an, solange ihr es habt, dann werdet ihr im Licht Leben.

Mit anderen Worten: Vertraut mir euer Leben an, dann werdet ihr im Licht leben.

Ich stelle mir das wie bei zwei Kerzen vor. Einer brennenden und einer verloschenen Kerze. Wenn eine Kerze neben einer brennenden Kerze steht, dann ist es hell. Egal, ob nun die zweite brennt oder nicht.

Auf das Leben übertragen: Das ist, wenn man von Jesus hört, hier und da fromme Gefühle hat, sich zur Gemeinde hält. Da leuchtet Jesu Licht bei mir. Ich bin nun im Licht, ob ich nun selbst von seinem Geist entzündet bin, oder nicht.

Geht aber die brennende Kerze weg, dann wird es dunkel. Die Kerze kann noch so sehr die Möglichkeit haben, selbst zu leuchten, wenn sie sich nicht entzünden ließ, wird es dunkel um sie herum sein.

Ebenso ist es wichtig für uns von Jesus entzünden zu lassen. Wir sind Menschen, die in die Kirche gehen, alles mehr oder weniger fromme Menschen – Menschen, die sich im Licht aufhalten. Doch, haben wir unsere innere Kerze schon entzünden lassen vom Licht Jesu? Vertrauen wir unser Leben ihm an?

Denn nur, wenn wir uns von ihm entflammen lassen, können wir in der Dunkelheit unserer Welt leuchten und selber den Weg finden, wenn dunkle Stunden über uns hereinbrechen.

Darum möchte ich heute schließen mit der Frage: Haben wir uns von Jesus, dem Licht der Welt, entzünden lassen?

Amen