Predigten

Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 25. März 2005, Karfreitag

 

Predigttext Lk 23, 33-46

33 Als sie zu der Stelle kamen, die »Schädel« genannt wird, nagelten die Soldaten Jesus ans Kreuz und mit ihm die beiden Verbrecher, den einen links von Jesus, den anderen rechts.
34 Jesus sagte: »Vater, vergib ihnen! Sie wissen nicht, was sie tun.« Dann losten die Soldaten untereinander seine Kleider aus.
35 Das Volk stand dabei und sah bei der Hinrichtung zu. Die Ratsmitglieder verhöhnten Jesus: »Anderen hat er geholfen; jetzt soll er sich selbst helfen, wenn er wirklich der ist, den Gott uns zum Retter bestimmt hat!«
36 Auch die Soldaten machten sich lustig über ihn. Sie gingen zu ihm hin, reichten ihm Essig
37 und sagten: »Hilf dir selbst, wenn du wirklich der König der Juden bist!«
38 Über seinem Kopf hatten sie eine Aufschrift angebracht: »Dies ist der König der Juden.«
39 Einer der Verbrecher, die mit ihm gekreuzigt worden waren, beschimpfte ihn: »Bist du denn nicht der versprochene Retter? Dann hilf dir selbst und uns!«
40 Aber der andere wies ihn zurecht und sagte: »Nimmst du Gott immer noch nicht ernst? Du bist doch genauso zum Tod verurteilt wie er,
41 aber du bist es mit Recht. Wir beide leiden hier die Strafe, die wir verdient haben. Aber der da hat nichts Unrechtes getan!«
42 Und zu Jesus sagte er: »Denk an mich, Jesus, wenn du deine Herrschaft antrittst!«
43 Jesus antwortete ihm: »Ich versichere dir, du wirst noch heute mit mir im Paradies sein.«
44-45 Es war schon etwa zwölf Uhr mittags, da verfinsterte sich die Sonne und es wurde dunkel im ganzen Land bis um drei Uhr. Dann riss der Vorhang vor dem Allerheiligsten im Tempel mitten durch,
46 und Jesus rief laut: »Vater, ich gebe mein Leben in deine Hände!« Mit diesen Worten starb er.

Bei einer Kreuzigung war es üblich, dass am Tag zuvor aufrechte Pfähle an der Hinrichtungsstätte in den Boden gerammt wurden. Die Pfähle deuteten darauf hin, dass bald eine Kreuzigung stattfand. Später dann kamen die Verurteilten. Sie mussten den Querbalken zum Pfahl tragen. An der Hinrichtungsstätte angekommen, wurden sie an diesen Querbalken genagelt, den man anschließend an den vorbereiteten Pfahl hängte.

Bei Jesu Kreuzigung waren schon drei Pfähle vorbereitet gewesen. Aber für wen war das Kreuz in der Mitte ursprünglich bestimmt gewesen?

Es war nicht für Jesus bestimmt, sondern es galt einem anderen Verurteilten. Barrabas hieß er. Barrabas war ein Rebell. Ein Rädelsführer von Aufständischen. Er wollte die Ordnung und die Obrigkeit nicht akzeptieren, die über ihn gestellt war. Sein Ziel war, diese Ordnung zu beseitigen. Jedes Mittel war ihm dabei recht. Gewalt, Brutalität, Raub und Mord.

Als Abschreckung für alle, die gegen die Obrigkeit rebellieren sollte Barrabas sterben. Doch es kam anders. Ein anderer trat an seine Stelle. Einer, der nichts Böses getan hatte. Das bestätigte der Nichtjude Pontius Pilatus, der halbjüdische König Herodes sowie in unserem Abschnitt der jüdische Mitgekreuzigte. Der Unschuldige nimmt die Strafe des Schuldigen auf sich.

Immer wieder hat diese Tatsache Schriftsteller inspiriert. H.E. Martini lässt Barrabas in dem Stück: „Der Weg nach Damaskus“ folgendes sagen:

„Als mich die Römer an jenem Tag aus der Kerkertür stießen – ich begriff nicht, warum man mich [so früh am Morgen] vor der Hinrichtung hochriss, durch die Gänge trieb und hineinwarf in eine schmerzhafte Fülle von Licht - , glitt ich, geblendet durch den jähen Wechsel von Kerkerdunkel in Sonnenglast, auf den Stufen des Präfektoriums aus und stürzte die Treppe hinab. Fußtritte empfingen mich. Wie ich mich aufraffe und meine Augen öffne, trifft mich ein Blick, der von einem Menschen war, den man gefesselt in seltsamen Aufzug an mir vorüberführte. Man hatte ihm einen purpurnen Umhang übergeworfen. Und er trug eine Krone, die nur von [grausamen] Menschen sein konnte, die satt sind und Zeit haben. Tief stachen die Dornen in [s]eine Stirn, […]. Ich verachte die Schwachen – aber der da in seiner Schwäche war nicht schwach: Es schien, als führe er die Schergen zu seinem Ziel und nicht sie ihn. Er sah mich an, einen Augenblick im Vorübergehen – eine Unendlichkeit. [Es war mir, als er mich anblickte], als dankte er mir, als hätte ich ihm einen Thron eingeräumt. Da stammelte ich zum ersten Mal in meinem Leben: Mein Gott ..“ (leicht geändert)

Jesus nimmt den Platz des Rebellen ein. In der Bibel gibt es verschiedene Bezeichnungen für Sünde. Eine davon kann man auch übersetzen mit: „Rebellion gegen Gott“. Ein Sünder ist ein Rebell gegen den Willen Gottes. Jesus nimmt den Platz des Sünders ein, damit der Sünder frei ist.

Und was mich immer wieder in Staunen versetzt: Jesus lässt sich freiwillig an diesen Ort hängen. Aus freien Stücken, weil er Barrabas, weil er Sie, weil er mich unendlich liebt.

Die großen Leiden erträgt er. Barrabas, Sie und ich sind es ihm wert. Im Johannesevangelium sagt Jesus: „Ich werde erhöht.“ Es ist für ihn wie ein Thron, es ist für ihn eine Ehre uns zu retten, weil er uns liebt. Können wir diese große Liebe je ermessen?

Barrabas ist nun frei. Keiner kann ihn mehr belangen für das, was er getan hat. Er kann tun und lassen, was er will. Er kann überall hingehen. Ja, er kann nun umkehren zu Gott. Barabas heißt übersetzt: „Sohn des Vaters“ Er erinnert mich ein wenig an den verlorenen Sohn. An den Sohn, der sein Leben selbst in die Hand nehmen wollte und von zuhause weg lief und dabei alles verlor. Jesus hat nun seine Stelle eingenommen und das Vaterhaus Gottes steht ihm nun offen. Barrabas ist frei heimzukehren.

Der Platz am Kreuz gilt jedem, der von Gott weggelaufen ist, jedem, der Gottes Weisungen und Ordnungen in den Wind schlug und dann in eine Situation kommt, dass er für sein Tun bezahlen muss. Jedem Rebellen. Für jeden, der den Lohn der Sünde empfängt – den Tod.

Und für jeden tritt Jesus in die Bresche, für jeden stirbt er diesen Tod. Jesus möchte jedem von uns die Chance geben zum Vater zurückzukehren.

Der erste, der diese Chance nutzt ist der so genannte Schächer am Kreuz. In seiner Not erkennt er plötzlich in welch aussichtloser Lage er ist. Nach den anderen Evangelien hat er kurz zuvor auch noch über Jesus gespottet. Doch plötzlich kehrt er in sich. Er weiß, dass er nicht mehr lange leben wird, ihm wird bewusst, dass er bald vor Gottes Richterstuhl treten muss und sich für sein Leben verantworten muss. In dieser Stunde denkt er um und beginnt an Jesus zu glauben. Zuerst gesteht er sich ein, dass er falsch gedacht und gehandelt hat und akzeptiert auch die verordnete Strafe den Tod. Er sagt:

"Wir hängen hier zu Recht. Wir haben den Tod verdient. Der hier aber ist unschuldig; er hat nichts Böses getan."

In der Kirche wird dieses Umdenken „Buße“ genannt. Buße heißt zu erkennen, dass der bisherige Weg der offenen oder auch versteckten Rebellion gegen Gott zu Recht in den Tod führt.

Und dann staune ich über den ungeheuren Glauben des Mitgekreuzigten.

Alle verspotten Jesus. Die großen Theologen der Zeit gehen vorbei und lachen den Mann am Kreuz aus, das Volk gafft, ein paar wenige Freunde und Anhänger weinen und sind verzweifelt, die Soldaten haben Jesus so misshandelt, dass er kaum noch zu erkennen ist, er hängt völlig nackt, mittellos und ohnmächtig am Kreuz in einer aussichtslosen Lage.

Und er ist der erste, der in dieser dunklen Stunde an Jesus glaubt: Jesus, gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst!

Damit bekennt er, dass Jesus tatsächlich der König des Reiches Gottes ist.

Liebe Gemeinde, ich wünsche mir diesen Glauben. Den Glauben, wenn alle Leute das Gegenteil behaupten, wenn alles stockdunkel ist, dass ich dann immer noch glauben kann, dass Jesus mein Retter und mein Herr ist. Dass er der Herrscher ist.

Dieser kühne und große Glaube empfängt Gottes Reich. Jesus antwortet: "Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein."

Dieser Mann war moralisch gesehen ein Mörder, er war nicht getauft, er konnte keinerlei gute Taten vorweisen. Das einzige, was er zu bieten hatte, war, dass er sich seine aussichtslose Lage eingestand und dass er Jesus geglaubt hat.

Und er hat alles bekommen: Jesus und das Paradies.

Er war der erste, der die Chance genützt hat. Er war der erste, der ein echter Barrabas geworden ist. Ein Kind des Vaters durch Jesus Christus.

Ich wünsche mir, dass wir heute an Karfreitag und ganz besonders in den dunklen Stunden und Tagen unseres Lebens vertrauensvoll auf Jesus blicken, ihm danken, dass er unsere Stelle eingenommen hat und immer darauf vertrauen, dass er unser Retter ist. Dann ist die Stunde ganz nah, bei der Jesus sagt:

Noch heute wirst Du mit mir im Paradies sein.

Amen.