Predigten

Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 19. Juni 2016

 

Ihr habt es ja alle mitbekommen, dass ich im letzten halben Jahr sehr unter Rückenschmerzen gelitten habe. Ich war bei verschiedenen Ärzten, Untersuchungen, regelmäßig ging zum Physiotherapeuten, jede Woche eine Sitzung und wurde massiert, drei Mal war ich bei Osteopathen, ich trug ständig eine Art Wärmekissen, schlief auf einem Biberfell, rieb mich mit verschiedene Cremes zwei bis drei Mal täglich den Rücken ein. Ich saß auf einem besonderen Gymnastikball, ging schwimmen, aber nichts veränderte sich. Hier und da wurde es einmal ein wenig besser und ich hatte wieder ein wenig Hoffnung. Aber dann musste ich eine längere Zeit stehen, dann war es schlimmer denn je.

Zuhause konnte ich gar nicht mehr mithelfen. Alleine von der Kirche zum Schaukasten zu gehen, Es schien so, als müsste ich mich damit abfinden und das bedrückte mich sehr.

Dann hat es aber Gott geschenkt, dass ich einen guten Tipp bekam. Ein Fachmann, der in der Nähe von Lüttich eine Praxis hat, renkte den Rücken wieder ein und sorgte dafür, dass die Bandscheibe sich wieder aufrichtete.

Täglich wurde es besser und nun kann ich wieder stehen, ohne Schmerzen zu haben, ich kann wieder gehen Kilometerweit gehen wie zuvor. Es ist einfach nur schön und mir ist bewusst geworden, Gesundheit kann man nicht einfach so machen, Gesundheit ist im Grunde unbezahlbar. Es ist ein Geschenk und ein Wunder.

Darum verlangt ein Arzt in der Regel auch keinen Stundenlohn, sondern ein Honorar. Er will damit sagen: Ich bin kein Tagelöhner. Meine Dienste und meine Hilfe ist im Grunde unbezahlbar, aber sie ist doch eine Anerkennung und Ehre wert. Darum heißt es Honorar.

Ähnlich ist es mit Gott. Das, was Gott schenkt ist unbezahlbar. Allein, dass wir hier sitzen dürfen in einer schönen, kleinen Kirche, ohne Angst vor irgendwelchen Behörden oder übelgesinnten Nachbarn, dass wir das Evangelium hören dürfen, dass wir uns als Brüder und Schwestern haben, dass Gott uns seinen Geist gibt, dass wir ihn überhaupt wahrnehmen und ahnen könne, dass er uns von unseren Sünden erlöst hat, dass wir sehen, hören, riechen können.

All das ist unbezahlbar. Womit sollten wir es auch bezahlen. All unser Geld und Gut ist doch letzten Endes auch ein Geschenk Gottes. Es ist ein unerhört großes Geschenk.

Wir können Gott nichts für all diese Geschenke bezahlen. Das würde er auch gar nicht wollen, weil er kein Dienstleister ist, sondern HERR.

Aber eines können wir: Wir können ihm Ehre erweisen. Ihm ein Honorar geben.

Und dieses Honorar nenne ich Lobpreis.

Lobpreis ist die Freude, der ausdrückliche Dank, das Jauchzen, die Lobeshymne über Gottes rettendes Eingreifen.

In Psalm 150 heißt es:

Halleluja! Lobet Gott in seinem Heiligtum, lobet ihn in der Feste seiner Macht!

Lobet ihn für seine Taten, lobet ihn in seiner großen Herrlichkeit!

Lobet ihn mit Posaunen, lobet ihn mit Psalter und Harfen!

Lobet ihn mit Pauken und Reigen, lobet ihn mit Saiten und Pfeifen!

Lobet ihn mit hellen Zimbeln, lobet ihn mit klingenden Zimbeln!

Alles, was Odem hat, lobe den HERRN! Halleluja!

Gott loben kann man mit Worten, mit Liedern, mit Instrumenten, mit Jubelrufen aber auch mit Kunst und Tanz.

Von David, dem größten Lobpreiser des Alten Testamentes heißt es zum Beispiel: David und ganz Israel tanzten vor dem HERRN her mit aller Macht im Reigen, mit Liedern, mit Harfen und Psaltern und Pauken und Schellen und Zimbeln. (2. Sam 6,5).

Wenn unser Lobpreis auch unvollkommen ist. Wenn es oft nur ein Gestammel ist und ein bisschen hin- und herhüpfen vor Freude. Aber Gott kommt es nicht auf die künstlerische Qualität an, sondern auf die dankbare Herzenshaltung.

Hier und da sitzt man ja bei Ärzten in den Wartezimmern. Oft hängen da gerahmte teure, großformatige Kunstdrucke oder schöne Fotographien.

Aber manchmal sehe ich auch süße, einfache, von Kindern gekritzelte Bilder. Oft sind sie nur mit einfachen Buntstiften auf billigem Kopierpapier gemalt. Die Männchen sind oft einfach Strichmännchen mit einer überdimensionalen Spritze.

Diese Bilder sind eine Art Honorar, das der Herr Doktor von einem Kind bekommen hat, dafür, dass er ihm geholfen hat.

Aber warum hängt der Arzt solch eine Zeichnung im Wartezimmer auf oder in der Praxis auf?

Weil er sich darüber freute. Es kommt dem Arzt nicht auf die Qualität der Kunst an. Er fühlt sich geehrt, weil er einem Kind helfen konnte und der Dank aus einem freudigen und dankbaren Herzen kam.

Uns so ähnlich ist es bei Gott. Und wenn wir auch mal daneben singen, und wenn wir auch mal ein paar falsche Vergleiche bringen, wie: Gott du bist der Kapitän, der das Schiff meines Lebens durch tiefe Riffe führt. Du gehst den Dingen auf den Grund

Für mich war es einmal ein Aha-Erlebnis, als ich bei einem Tedeum in der katholischen Kirche war.

Ein Priester leierte ein Gebet sehr monoton und unglaublich schnell herunter. Innerlich erhob ich mich, über diese Weise zu beten. Ich dachte, was ist denn das für ein Gebet: Das ist doch nur abgelesen und überhaupt nicht betont.

Doch in diesem Augenblick war es mir, als würde Gottes Geist mit mir schimpfen: Hör du doch erst einmal zu, was da gebetet wurde. Ich passte also auf und hörte ein wunderbares Gebet und ich konnte von Herzen mitbeten.

Lobpreis kann ein Stammeln sein, ja sogar ein Ablesen von Gebete – oder eine Arie von Johann Sebastian Bach. Wenn er von Herzen kommt, dann freut sich Gott.

Ein weiterer Gedanke: Gott thront im Lobpreis.

Von Gott heißt es: „Du aber bist heilig, der du thronst über den Lobgesängen Israels.“ (Ps 22,4)

Wo ist der Thron Gottes?

Wo muss ich hin, wenn ich eine Audienz im himmlischen Thronsaal möchte?

In den Lobgesängen Israels. Das sind die Psalmen, das sind die Lieder des Volkes Gottes. Das ist hier im Lobpreisgottesdienst.

Hier, wenn wir uns Zeit lassen, Gott zu loben, ihn zu preisen, dann wird diese kleine Kirche unscheinbare Kirche mit seinen zwanzig, dreißig Leuten zum Thronsaal unseres großen Gottes. Ist das nicht herrlich?

Hier bei uns in Kelmis, in der Hasardstraße 4 ist die Adresse, wo es persönliche Audienzen beim König aller König und Herrn aller Herren gibt. Hier bei uns ist der Schemel seines mächtigen Throns.

Hier ein kleiner Einschub, weil dies schon hier und da mal diskutiert wurde. Lasst euch nicht beirren, wenn andere sagen: Die Lesung, die Predigt, das Abendmahl sei wichtiger, man müsste sich mehr Zeit dafür nehmen.

Nein, um praktisch einen Raum für Predigt und Abendmahl zu schaffen, einen Thronsaal für die Audienz, braucht es Lobpreis, braucht es Lieder und dafür muss man sich Zeit nehmen.

Und da komme ich zum nächsten Punkt: Lobpreis wird auch immer angefochten werden.

Wer möchte letzten Endes, dass die Erde nicht unter Gottes Herrschaft steht?

Das ist Satan, Gottes Widersacher. Manche Ausleger gehen davon aus, dass Satan die Verantwortung für himmlischen Lobpreis hatte, dann aber gegen Gott rebellierte, weil er selber auch all die Ehre und Anerkennung bekommen wollte.

Nichts kann ihn mehr ärgern, als wenn nun ein paar einfache, schwache Menschen Gott mit ihren Gesängen und ihren Herzen eine Freude machen. Und er tut alles, um das zu unterbinden.

Und wir müssen uns immer wieder auch bewusst sein, dass unsere Gottesdienste angefochten sind.

Ich könnte mir vorstellen, dass fast jeder von uns einen Impuls hatte, heute doch nicht zu kommen, dass fast jeder irgendetwas anderes hatte. Diese Angriffe, diese Überwindung, die uns Lobpreis manchmal kostet, das ist für mich der Preis des Lobpreises. Es ist das Opfer, das wir bringen.

Und wisst ihr, wer den höchsten Preis für dieses Opfer bezahlt?

Es sind die Musiker. Wenn sie hier stehen, dann sieht das immer so leicht aus, als würde alles so spielend und einfach gehen. Aber fragt nicht, welche Kämpfe, welche Anfechtungen sie manchmal erleiden, wie oft sie kritisiert werden, wie sie oft in Frage gestellt werden, innerlich wie äußerlich.

Lobpreis setzt himmlische Kräfte frei

Und obwohl Lobpreis immer angefochten ist, setzt er doch immer auch göttliche Kraft frei.

Paulus und Silas saßen in Philipi einmal wegen eines Exorzismus im Gefängnis. Sie wurden sogar an den Pflock gebunden. Sie waren geschlagen worden, es war Nacht, sie waren müde, konnten wahrscheinlich nicht schlafen, weil ihre Hände und Füße in einen Pflock gebunden waren.

Doch den Mund hatte man ihnen nicht verbunden. So fingen sie um Mitternacht an Lieder zu singen. Sie priesen Jesus ihren Herrn und ihr Loblied schallte durch die Gefängnismauern. Die anderen Gefangenen lauschten.

Dieser Lobpreis erschütterte die Erde. Die Türen sprangen aus den Angeln und die Ketten lösen sich. Ein Wunder – vielleicht war es noch ein größeres Wunder, dass keiner der Gefangenen die Flucht ergriff.

Lobpreis setzt Kraft frei, sie hat große und befreiende Wirkung. Allein schon von Rettung zu singen, setzt Rettung frei. Das kann auch uns so gehen.

Und noch ein letzter Gedanke: Lobpreis führt in die Anbetung. Im Lobpreis lobe ich Gott, ich erweise ihm Ehre. Aber es bleibt eine gewisse Distanz zwischen Gott und dem Lobpreis. Aber, wenn man die Richtung des Lobpreises konsequent weitergeht, dann kommt man in eine Haltung, welches die Bibel Anbetung nennt.

Das Alte Testament nennt Anbetung: Sich niederwerfen vor Gott. Sich flach niederwerfen. Es führt dazu, dass man sich Gott ausliefert, dass man seine letzte Distanz, sein letztes: Ich will aber, ich selbst sein, aufgibt.

Im Neuen Testament wird Anbetung „Proskyneo“ genannt. Proskyneo kann auch mit „küssen“ und „wie ein Hund die Hand des Herrn lecken“ übersetzt werden.

Stellt euch einmal einen kleinen Hund vor. Was uns Menschen an Hunden fasziniert ist, dass sie ja ganz auf Herrchen oder Frauchen ausgerichtet sind.

Bei Katzen da sind die Menschen mehr Bedienstete. Bei Hunden dagegen sind die Menschen die Könige. Das schönste für Hunde ist, immer beim Herrchen zu sein.

Und so ähnlich führt uns der Lobpreis ganz in das Glück, in die Gegenwart Gottes tauchen zu können.

Dann wird nicht mehr laut gejauchzt und getanzt, dann wird es ganz still und heilig. Dann spürt man etwas von Gottes Nähe.

Und dies ist letzten Endes der tiefste Sinn von Lobpreis. Mehr noch als Gott die Ehre geben, mehr noch als geistlicher Kampf und Freisetzten von Energien.

Dass mit dem Lobpreis der Heilige Geist in die Anbetung hineinführe, dass wir ganz eins werden mit Jesus und er mit uns.

Amen