Christliche Ethik in aktuellen Fragen
Antworten auf Fragen des Zusammenlebens
Die Reihe “Christliche Ethik in aktuellen Fragen – Antworten auf Fragen des Zusammenlebens” greift einige aktuelle Beiträge aus Wissenschaft und Gesellschaft auf, um sie mit Fragen christlicher Ethik zu verbinden. Gemeinsam ist allen Themen, dass wir versuchen möchten, Antworten auf aktuelle Fragen zu geben, die uns immer wieder in unserem Alltag begegnen, und diese Antworten auch gemeinsam weiterentwickeln möchten. Eine Besonderheit der Reihe ist dabei, dass die hier besprochenen Bücher und Themen sprichwörtlich christlich „gelesen” werden. Das heißt, dass wir davon ausgehen, dass die zugrundeliegenden Themen letztlich Menschheitsthemen sind, die es schon lange gibt, und die deshalb letztlich auch schon in der Bibel eine Rolle spielen. Aktuelle Fragen wie der Umgang mit sozialen Medien entspringen nicht zuletzt der Frage, worauf wir im Leben Wert legen und wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen wollen und können. Eine immer größere Durchdringung unserer Lebensbereiche mit Regeln wirft die uralte Frage auf, wie weit Gesetze und Regeln unser Leben bestimmen, und rufen damit auch Luther auf den Plan, der die Bibel und das eigene Gewissen in den Mittelpunkt seines Welt- und Glaubensverständnisses rückte. Fragen der Vergebung wiederum werden in der Bibel reichlich behandelt, doch könnte man heute den Eindruck gewinnen, dass die Welt immer gnadenloser wird. Den Abschluss der Reihe bildet eine gemeinsame Überlegung zum Thema Glaube und Zweifel sowie die Frage, in welchem Verhältnis diese vermeintlichen Gegensätze zueinanderstehen.
Die Veranstaltungen beinhalten je einen Vortrag und je nach Thema auch Einzel- und Partnerarbeitsphasen.
Referent: Dr. Nicholas Williams
1. „Denn wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein“ (Mt. 6, 21): Eine glücklichere Jugend ohne „soziale” Medien
27. Oktober 2026, 20.00 Uhr – Gemeindehaus der Protestantischen Kirchengemeinde Eupen, Hookstraße 40 (Dauer: 90 Minuten)
Seit 2012 lässt sich vor allem unter Kindern und Jugendlichen weltweit eine massive Verschlechterung der mentalen Gesundheit verzeichnen. Ein Querschnitt vieler Studien beweist, dass es sich weder um Zufall noch um eine parallele Entwicklung handelt. Die Nutzung sozialer Medien wie Facebook, Instagram, Snapchat etc. ist ursächlich verantwortlich für den Rückgang im Wohlbefinden junger Menschen. Mädchen sind hiervon in anderer Form betroffen als Jungs. Dabei hat sich die Kindheit insgesamt verändert, und während junge Menschen heute im virtuellen Raum zu wenig Schutz erhalten, werden sie in der realen Welt oft viel zu sehr behütet, bis dahingehend, dass ihnen die Freiräume fehlen, ihre Persönlichkeiten entwickeln zu können. Gemeinsam wollen wir an diesem Abend dieser Entwicklung anhand sozialpsychologischer Studien nachgehen, sie aus der Sicht einer christlichen Ethik besprechen und Alternativen entwickeln, die Kindern und Jugendlichen ein Aufwachsen ohne soziale Medien, in der realen Welt und in Freiheit ermöglichen soll.
2. „Der Sabbat ist um des Menschen Willen gemacht” (Mk. 2, 27): Von der Einengung und Rückgewinnung des Spielraums
24. November 2026, 20.00 Uhr – Gemeindehaus der Protestantischen Kirchengemeinde Eupen, Hookstraße 40
Ein Zugschaffner, der einem Fahrgast abnimmt, dass er tatsächlich unverschuldet ohne Fahrausweis im Zug sitzt und deshalb ein Auge zudrückt. Eine Lehrerin, die einem strauchelnden Schüler eine etwas bessere Note gibt, als er “eigentlich” verdient hätte, weil sie spürt, dass er das gerade braucht: Situationen, wie sie sicher jeder von früher kennt. Gefühlt müssen wir uns stattdessen heute, wenn wir einen Kundendienst anrufen, durch ewig lange Menüs wählen, nur, um dann doch am Ende eine Eingabe zu machen, die auf unsere persönliche Situation überhaupt nicht zutrifft. Wir erleben immer häufiger, dass die große Komplexität individueller Situationen auf begrenzte Konstellationen reduziert werden soll. Regeln, die unser Zusammenleben im Alltag eigentlich erleichtern können, werden so zu Schranken, die Spielräume einengen. Zugleich existieren Normen jedoch nicht grundlos. Unsere Flüsse sind heute sauberer als vor 30 Jahren, weil es Umweltschutzauflagen gibt, die Luft um uns ist gesünder, seit Benzin kein Blei mehr enthält. Doch wie kam es zu den vielen Einschränkungen des Spielraums, den vielen Fragebögen, und welche Möglichkeiten gibt es, Handlungsspielräume zurückzugewinnen? Welche Antworten kann eine christliche Ethik auf die Frage nach dem persönlichen Handlungsspielraum geben? Diesen Fragen gehen wir in einem Vortrag mit aktuellen Ergebnissen aus der Soziologie nach, über den wir im Anschluss auch gemeinsam sprechen.
3. „Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!” (Kol. 3, 13) Über Vergebung, Schuld, Scham und Reue
22. Dezember 2026, 20.00 Uhr – Gemeindehaus der Protestantischen Kirchengemeinde Eupen, Hookstraße 40
Die Themen “Vergebung” und “Feindesliebe” sind, so könnte man meinen, gewissermaßen ein Markenkern des Christentums. Kaum ein christlicher Grundsatz rief zunächst so große Verwunderung hervor, und gleichzeitig arbeiten sich Menschen an kaum einem christlichen Grundsatz so sehr ab wie an der Vergebung. Das gilt sowohl dafür, anderen zu vergeben als auch für die Annahme der Vergebung, denn es kann manchmal schwerer sein, sich selbst zu verzeihen als anderen. Wieso also sollten wir es dennoch tun? Gibt es Voraussetzungen, um sich gegenseitig zu vergeben, und wenn ja, welche? Wann droht der Auftrag der Feindesliebe und des Vergebens zur “billigen Gnade” (Bonhoeffer) zu werden, und welche Rollen spielen dabei Schuld und Scham? Dieser Abendvortrag beleuchtet das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln, biblisch, jüdisch-christlich, psychologisch und historisch.
Anschließend Weihnachtsgebäck und Glühwein (ohne und mit Alkohol)
4. „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!” (Mk. 9, 24) Glaube und Zweifel in der Musik
26. Januar 2027, 20.00 Uhr – Gemeindehaus der Protestantischen Kirchengemeinde Eupen, Hookstraße 40
Inspiriert durch Lieder von Suzanne Vega, George Harrison, Nathalie Merchant und Nick Cave gehen wir der Frage nach, in welchem Verhältnis Glaube und Zweifel zueinanderstehen. Dabei werden wir feststellen, dass vieles auch an den über die Jahrhunderte veränderten Gottesbildern liegt. Denn, obwohl wir uns zwar kein Bild machen sollen, in der Realität haben alle Menschen, ob gläubig oder nicht, meistens eine Vorstellung von einem Gott, ob sie nun daran glauben oder nicht. Der tatsächliche Sprung zum Glauben scheitert aber oft auch am Bild dessen, was man unter “Glaube“ versteht. Anhand musikalischer Beispiele stellen wir fest, dass Glaube und Zweifel keineswegs das Gegensatzpaar sind, das manche dazu veranlasst, sich als “Agnostiker” zu betrachten. Vielmehr stellt sich “Glaube” als etwas dar, das mit Händen nicht immer zu greifen ist, uns aber umgibt wie die Luft, die wir atmen. Wir spüren diesen Fragen Anhang musikalischer Beispiele nach, über die wir gemeinsam sprechen.
